Arnoldihaus

Das Arnoldihaus, ein spätgotisches Flettdeelenhaus, erbaut 1513 und 1970 erneuert, wird von der Pfarrgemeinde St. Marien der Altstadt als Pfarrzentrum genutzt. Es ist nach dem in Warburg geborenen katholischen Märtyrer Pater Johannes Arnoldi SJ benannt.

 

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Das Haus der Märtyrer: Das Arnoldihaus war Getreidespeicher, Bäckerei, Nähschule - und Schauplatz eines Mordes

VON WIEBKE JOHANNING (Neue Westfälische 11.02.2006)

22 Meter ist das Gebäude hoch, teilweise unterkellert, mit Anbau und sechs Geschossen - die Rede ist nicht von einem modernen Bürogebäude, sondern dem größten Fachwerkhaus Warburgs - das 500 Jahre alten Arnoldihaus in der Bernhardi-Straße. "Es ist schon beeindruckend, zu welchen Leistungen die damaligenZimmerleute in der Lage waren", sagt Pfarrer Wolfgang Fabian. Der Seelsorger der katholischen St.-Marien-Gemeinde in der Altstadt ist stolz auf sein stattliches Gemeindezentrum. "Es kommen regelmäßig Zimmerleute von den Berufsfachschulen in Lemgo und Kassel vorbei, um sich die faszinierende Balkenkonstruktion anzuschauen", berichtet Fabian. Und Rudolf Bialas, Mitglied des Kirchenvorstands der Mariengemeinde,ergänzt: "Das Arnoldihaus ist so bedeutsam, das es in dem Standardwerk ,Kunstgeschichte des Fachwerkbaus' erwähnt wird."

Fabian und Bialas haben sich alle Unterlagen, die sie zur Geschichte des Arnoldihauses finden konnten, zusammengetragen - Fotos, Katasterauszüge, Zeitungsausschnitte Rechnungen und Fachartikel stapeln sich auf dem Schreibtisch des Pfarrers in der Altstadt. Bialas und Fabian breiten Baupläne aus, um die besondere Konstruktion des Gebäudes zu erläutern: "Das Arnoldihaus ist ein typisches Beispiel für ein Flettdeelenhaus", sagt Bialas und weist auf den großen Innenraum des Hauses. "Diese T-förmige Deele wird Flett genannt. Heute benutzenwir diese zweigeschossige Innenhalle für Feiern oder Basare." Bekannt ist, dass ein Henrik Lautmann das Haus 1513 errichten ließ.

"Wahrscheinlich ein reicher Bauer, der auf den vielen Dachböden sein Getreide lagerte", vermutet Bialas.Hinter dem Haus wurde zeitgleich ein unterkellertes Saalgeschoss-Hinterhaus angebaut, in dem heute die Gemeindebücherei untergebracht ist.Wer nach Henrik Lautmann in dem Haus wohnte, ist unbekannt. "Über die ersten 400 Jahre des Hauses wissen wir so gut wie nichts", bedauert Pfarrer Fabian. Die Überlieferung setzt erst wieder im 20. Jahrhundert ein, als der damalige Hausbesizter Josef Friedel in seinem Testament der Mariengemeinde das Haus zusprach.

Nach dem Tod des Bäckermeisters und seiner Frau Anna 1936 übernimmt die Kirche Haus und Grund und überlässt es den Schwestern vom St.-Vincenz-Orden. Die vermieten einen Großteil des Gebäudes als Wohnungen und richten im Anbau eine Nähschule ein. 1952 wird das Gebäude Schauplatz eines Mordes. Das Opfer: Die 16-jährige Klara Wendehals. Der Täter ist ein erst 15 Jahre alter Junge, der mit seinen Eltern im damals Friedel-Haus genannten Gebäude wohnte. Der Jugendliche lockte das junge Mädchen, das als Haushaltshilfe für die Vincentinerinnen arbeitete, in die Wohnung seiner Eltern, wo er versuchte zu vergewaltigen.Weil sich Klara Wendehals wehrte und um Hilfe schrie, würgte er sie und und schlug ihr mit einer Axt den Schädel ein. Danach versteckte er die Leiche im Keller, versuchte zu fliehen, wurde aber bald schon von der Polizei aufgegriffen.Klara Wendehals wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in ihrem Heimatort Daseburg beigesetzt. Von der Kirche wurde das Mordopfer zur Märtyrerin der Keuschheit und als vorbildliches Beispiel der "Mädchenzucht" verklärt. "Viele Ältere kennen die Geschichte noch", berichtet Fabian. Er ist froh, dass dieses traurige Kapitel des Hauses von der positiven jüngeren Geschichte überdeckt wird. Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wurde 1976 das Pfarrzentrum mit Bücherei, Altentagesstätte und Sitzungsräumen in dem Gebäude eingerichtet. Ein weiterer katholischer Märtyrer - der1596 in Warburg geborene Jesuitenpater Johannes Arnoldi - gab dem Gebäude seinen neuen Namen. "Heute ist das Haus mit Leben gefüllt und Treffpunkt unserer Gemeinde", sagt Pfarrer Fabian. Sein persönlicherLieblingsort: Der große Saal in der Flettdeele: "Das historische Ambiente gibt unseren Gemeindefesten ein ganz besonders Flair."

 

 

Blick von der Galerie

(FOTO: WIEBKE JOHANNING)

 

 

 

 

Das Gebäude

Das stattlichste der spätgotischen Bürgerhäuser in Warburg ist das sogenannte „Arnoldihaus" Bernhardistr. 2. Nach seiner Inschrift im Türbalken wurde es am 4. April des Jahres 1513 durch Henrick Lautmann errichtet. Die beachtlichen Ausmaße des 15,05 x 16,67 m großen und 22 m hohen Hauses mit seinen vier Speicherböden über der fast sechs Meter hohen Deele lassen vermuten, dass es sich bei dem Besitzer um einen Getreidegroßhändler gehandelt hat. Der Speicherstock hat Andreaskreuze im Brüstungsbereich des Giebels, während seine Traufseiten mit gebogenen Fußstreben verzimmert sind. An der Rückseite des Hauses ist auf hohem Kellersockel ein etwas schmaleres Hinterhaus mit einem großen Saal und einem weiteren Speicherstock angebaut. Glücklicherweise ist bei diesem 1969-72 wiederhergestellten Haus auch der ehemalige Zustand des Inneren weitgehend erhalten. Wir haben es hier mit der städtischen Frühform des sogenannten „Flettdeelenhauses" zu tun, welches für die spätere Entwicklung des westfälischen Bauernhauses große Bedeutung hatte. Mit „Flettdeele" wird der längs durchgehende, hohe Innenraum bezeichnet, der sich vor der durch das Hinterhaus verstellten Stirnwand zwecks seitlicher Belichtung T-förmig in die beiden Seitenschiffe hinein ausweitet.

Pater Johannes Arnoldi – ein Märtyrer aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges

Vor 400 Jahren, am 24. Juni 1596, wurde in der Warburger Altstadt Johannes Arnoldi geboren. Seine Eltern waren hierher gezogen, und der Vater erhielt hier später auch das Bürgerrecht. Warburg hatte damals noch keine höhere Schule. Deshalb besuchte Johannes Arnoldi seit 1608 zunächst das Gymnasium und dann die Universität in Paderborn, die beide vom Jesuitenorden geführt wurden. 1617 schloss er sein Studium mit dem „Doktor der Philosophie" ab.

In demselben Jahr trat er als Novize in Paderborn in den Jesuitenorden ein, der sich u.a. die Wiedergewinnung Europas für den katholischen Glauben zur Aufgabe gemacht hatte.  Ein Jahr später brach der Dreißigjährige Krieg aus, der ungeheures Leid über Deutschland brachte und zu unglaublichen Verrohung vieler Menschen in den Kriegsgebieten führte.

Nach weiteren vom Krieg überschatteten Studien in Fulda, Bamberg und Speyer wurde Johannes Arnoldi 1623 zum Priester geweiht und widmete sich in den folgenden Jahren an verschiedenen Stellen vor allem der katholischen Mission.1629 wurde er in das Bistum Verden berufen, in dem die Reformation weitgehend gesiegt hatte und das jetzt nach den militärischen Erfolgen des Kaisers, gegebenenfalls auch unter Gewalt, zum Katholizismus zurückkehren sollte.

In dieser psychologisch besonders schweren Situation wirkte Pater J. Arnoldi als Pfarrer und Missionspriester von Visselhövede, Neuenkirchen und Schneverdingen – Orte, die bis zu 45 Km von seinem Wohnort Verden entfernt waren und zu denen noch weitere 80 Dörfer, Weiler und Gehöfte gehörten, die er betreuen und wo er z.B. in Krankheitsfällen Sakramente zu spenden hatte! Pater J. Arnoldi ging mit gr0ßem Eifer an seine Arbeit, und es wird berichtet, dass man schon bald auf ihn einen Anschlag verübte: man schoss auf ihn, traf aber nur seine Kappe. Sie war von Bleikugeln durchlöchert!

Die Missionsarbeit war anscheinend ganz erfolgreich. Doch mit dem Sieg der Schweden unter ihrem König Gustav Adolf bei Breitenfeld im September 1631 änderte sich die Kriegslage dramatisch, und die Protestanten schöpften wieder Hoffnung, das Bistum Verden halten zu können. Die kaiserlichen Truppen ergriffen die Flucht und mit ihnen die meisten katholischen Geistlichen. Pater J. Arnoldi blieb, versah weiterhin unverdrossen seine seelsorgerischen Aufgaben und wollte zusammen mit seinen Glaubensbrüdern die katholischen Kirchen im Lande schützen. Am 11. November – am Fest St. Martin – feierte er in in Visselhövede die hl. Messe.    Auf der Rückfahrt – ein Junge lenkte seinen Wagen – ereilte ihn der Tod. Nach den Berichten überfiel ihn eine Anzahl fanatischer, protestantischer Bauern. Sie rissen ihn aus dem Wagen, warfen ihn auf die Erde, misshandelten ihn, schlugen mit Knüppeln auf ihn ein und zerschmetterten durch Stockhiebe seinen Kopf. Dann hefteten sie ihn an einen Baum und weideten sich an seinem Todeskampf. Als er ihnen nicht schnell genug starb, durchschlug einer ihm mit einem Beil die Kehle!

Pater Johannes Arnoldi soll bald darauf gestorben sein! Er fand der Überlieferung nach sein Grab in der Kirche zu Visselhövede. Der Ort seines Martyriums aber heißt bis heute „Paterbusch".