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Aktuelles

Steine, die der Mörtel aufweicht - Sanierungsarbeiten an der Erasmus-Kapelle auf dem Burgfriedhof haben begonnen

VON DIETER SCHOLZ UND SANDRA WAMERS (NW 04.08.2008)

Sie beherbergt Warburgs ältestes Denkmal. Das letzte erhaltene Bauwerk der Burg des Grafen Dodiko. Ursprünglich stand an der Stelle der heutigen Erasmuskapelle eine dem heiligen Andreas geweihte Basilika, ein ottonischer Bau mit Ober- und Unterkirche aus dem 11. Jahrhundert. Die Krypta dieser Kirche ist der heute einzig erhaltene Teil der ehemaligen Burganlage der Grafschaft Wartberg. Sie wurde 1681 durch die Wallfahrtskirche des Hl. Erasmus überbaut.  

Doch derzeit verdecken die grünen Netze eines Gerüsts ihre Fassade: Die Erasmus-Kapelle auf dem Burgfriedhof wird saniert. Die Renovierungsmaßnahmen an der barocken Wallfahrtskirche waren nötig geworden, weil eintretendes Regenwasser erhebliche Beschädigungen vor allem am Dachgebälk der Kapelle verursacht hatten. "Marode", bringt es Franz Schwarz von der Unteren Denkmalbehörde auf den Punkt.

Seit vergangener Woche ist das sakrale Bauwerk eingerüstet. Es wird Hand angelegt – vom Keller, der Krypta, bis zum Kreuz auf dem Dach. "Die Krypta ist das älteste Bauwerk Warburgs", sagt Architekt Andreas Kropp. Geweiht im Jahr 1130 und damit einzig erhaltenes Denkmal an die Burg. "Die Treppe zur Krypta wurde instandgesetzt", erklärt Kropp. Es war feucht in der Gruft, denn Niederschlagswasser war in das Gemäuer gedrungen. Auch an der schmucken Westfassede wird gearbeitet. Neben dem Engelskopf über dem Portal ist das Mauerwerk zum Teil freigelegt. Verrostete Eisenträger sollen entfernt werden, die das Mauerwerk angreifen. "Das Eisen quillt auf, der weiche Sandstein gibt nach. Material springt ab", erklärt der Experte. Der Giebelschmuck ist barocken Ursprungs, wie auch die Kapelle. 1681 wurde das Gotteshaus auf die ottonischen Krypta aufgebaut. "Damals war die Kapelle noch verputzt", erklärt der Warburger Architket. Vom Putz ist allerdings nicht mehr viel zu sehen – nur der Fachmann erkennt die Fragmente. Der Besucher erblickt heute den mit groben Fugen verputzten, rauen Sandstein. "Zementmörtel, der muss weg", sagt Kropp.

Wie das verrostete Eisen frisst sich auch der harte Mörtel in den weichen Sandstein. Ein Ergebnis überholter Restaurierungstechniken aus den 1960er Jahren. Derzeit liegt den Denkmalschützern vor allem an der Substanzerhaltung.

Ob die Kapelle – wie einst – verputzt werden wird, das steht noch zur Diskussion. Zur Substanzerhaltung gehören auch die Arbeiten am Dach. Die alte Eindeckung wies Löcher auf. Tauben waren unbeliebte Untermieter. Darüber hinaus war die Unterkonstruktion des Glockenturms angegriffen, weshalb jetzt der markante Glockenturm fehlt. "Die Zwiebel kommt aber wieder aufs Dach", betont Kropp. Als Vorlage dient das alte Holz: "Die Sparren werden als Schablone benutzt", erklärt Denkmalpfleger Franz Schwarz. Dadurch werde der Turmaufbau exakt rekonstruiert.

Bis die Arbeiten an Warburgs ältestem Sakralgebäude fertig sind, wird es noch einige Jahre dauern. "Dieses Jahr wird die Substanz gesichert", sagt Kropp. Das koste 90.000 Euro. 25.000 Euro werden vom Paderborner Generalvikariat eingebracht, den Restbetrag muss die Altstadt-Gemeinde als Hausherrin finanzieren. Erst danach wird über das Äußere entschieden: Wird verputzt oder nicht?

Pflanzstätte christlichen Glaubens

Pfarrer Ludwig Hagemann hat die Stelle, wo sich heute die Burgkapelle befindet, einmal als „Pflanzstätte des christlichen Glaubens" bezeichnet. Hier soll sich die erste Pfarrei Warburgs befunden haben, geweiht dem hl. Apostel Andreas, vielleicht die älteste Andreaskirche Westfalens. Nach einer alten Überlieferung soll von hier aus der hl. Sturmius den Samen des Christentums im Warburger Land ausgestreut haben. Allmählich setzte sich der neue Glaube in den Herzen der Menschen durch und löste damit die Verehrung der heidnischen Gottheiten ab.

Aus alten Chroniken wissen wir auch, dass es Jahrhunderte lang eine Wallfahrt zur Erasmus-Kapelle auf der Burg gab, vermutlich, um ein heidnisches Fest, das früher dort um jene Jahrzeit gefeiert wurde, zu verdrängen. Nach einer anderen Überlieferung soll im Jahr 1676 ein zwölfjähriger gelähmter Junge auf die Fürsprache des hl. Erasmus geheilt worden sein. Daraufhin wurde das Dreifaltigkeitsfest in zeitliche Nähe zum Fest des hl. Erasmus als Wallfahrtstagtag festgelegt, an dem Gläubige von nah und fern zum Heiligtum auf dem Burgberg pilgerten. Der gemeinsame Dreifaltigkeits-Gottesdienst der beiden Warburger Stadtgemeinden erinnert noch heute an diese Jahrhunderte alte religiöse Tradition im Warburger Land.

Pflanzstätten des christlichen Glaubens brauchen wir auch in unseren Tagen. Wo Kirche sich missionarisch versteht, wo der Glaube in unseren Familien, in unseren Gemeinschaften gelebt wird, da wird der Glaube in den Herzen der Menschen als „kleines Senfkorn Hoffnung" verwurzelt und aufblühen und Früchte tragen.

Die Burgkapelle ist nicht nur ein erinnerndes Zeichen daran, dass das Christentum einmal im Warburger Land Fuß gefasst hat – sie ist auch ein mahnendes Zeichen, diese Tradition in unseren Tagen mit Leben zu erfüllen und den christlichen Glauben und seine Wertvorstellungen durch das gelebte Zeugnis in den Herzen künftiger Generationen einzupflanzen.

Wer die Burgkapelle in Richtung Burgfriedhof verlässt, schaut auf eine alte Kreuzigungsgruppe.

Der Überlieferung nach wurde im 19. Jahrhundert eine spätgotische steinerne Christusfigur vom Brüderkirchhof entfernt und vor der Burgkapelle wieder errichtet. Der Warburger Bildhauer Franz Heise schuf 1897 die Figuren von Maria und Johannes hinzu. Um den Corpus nicht weiter der Witterung auszusetzen, wurde er später in die Altstädter St. Marien gebracht und auf der Burg durch einen Abguss ersetzt.

Zusammen mit dem gekreuzigten Christus sehen wir zwei Menschen unter dem Kreuz, Maria und Johannes. Diese Szene bezieht sich auf eine bekannte Stelle im Johannes-Evangelium. Maria kommt darin an zwei wichtigen Stellen vor: Bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2, 1 – 12) und unter dem Kreuz (Joh 19, 25 – 27). Dazwischen liegen 17 Kapitel, und Maria scheint wie verschwunden. Aber im entscheidenden Augenblick, wo selbst die Jünger fliehen, ist die Mutter Jesu wieder da. Zwar kann sie die Schmerzen ihres Sohnes nicht abwenden; trotzdem aber hilft ihre Anwesenheit, sein Leid auf mehrere Schultern zu verteilen, und in diesem „Mitleiden" liegt eine große Kraft. Wir können diese nicht sehen und nicht messen, aber spüren können wir sie und aus ihr leben. Und wenn wir spüren, dass die „Trösterin der Betrübten" um unsere Geschichte und die unserer Nächsten weiß, dann bedeutet das für uns Versöhnung und Trost im Angesicht des Todes.
In der Stunde seines Todes bestimmt Jesus gleichsam testamentarisch, dass Maria, die Mutter Christi, zur Mutter des Johannes und über ihn endgültig und öffentlich zur Mutter der Kirche werden soll: Mutter der ganzen Kirche und Mutter der Apostel im Besonderen: „Siehe, deine Mutter!" – „Frau, sieh deinen Sohn!" Dass nicht einmal eine Antwort Marias unter dem Kreuz überliefert ist, braucht uns nicht weiter zu verwundern. Denn diese Antwort hatte sie ja schon bei der Verkündigung gegeben, als sie sich den Plan Gottes zur Verfügung stellte, das Erlösungswerk ihres Sohnes zu begleiten. Untrennbar steht seitdem Maria an der Seite ihres Sohnes, auf seinem Weg, unter seinem Kreuz, in seiner Herrlichkeit. Nur dort nimmt sie unsere Anliegen als Fürsprecherin entgegen.

Wolfgang Fabian, Pfarrer