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Zur Geschichte der Orgeln in der Pfarrkiche St Mariä Heimsuchung Warburg- Altstadt 

 von Karl Kuchenbuch

Bau und Einweihung der neuen Orgel in der Altstadt- Pfarrkirche „Maria in vinea“ legen es nahe, die Frage nach Vorgängerinnen dieses Neubaues zu stellen. Man kann davon ausgehen, dass nach der Weihe der Pfarrkirche 1299 sicherlich Jahr- zehnte vergangen sind, ehe man daran gehen konnte, eine Orgel zu bauen. Bereits seit der Mitte des 14. Jahrhunderts sind im Bereich des südlichen Hochstifts, allerdings nur in den Klöstern und Städten, Orgeln nachzuweisen, die von der hohen Bedeutung dieser kostbaren Instrumente für die vielfältigen Formen des Gottesdienstes, aber auch von der wirtschaftlichen Kraft und dem deutlichen Selbstbewusstsein der Bürger zeugen. Daher  ist es nicht abwegig anzunehmen, dass man im 15., sicher jedoch im 16. Jh. auch in der Altstadt den Wunsch hatte, in der eigenen Kirche ein solches Instrument errichten zu lassen, wobei die Tatsache nicht unerheblich gewesen sein könnte, dass die Dominikaner in der ehemals der Altstadt gehörenden Kirche seit etwa 1470 sogar zwei Orgeln besaßen. 

Die oben aufgeworfene Frage nach früheren Orgeln in der Altstadtkirche zu beantworten, soweit es die noch vorhandenen Archivalien ermöglichen, ist Aufgabe dieses Aufsatzes.

Die Hoffnung, sich dabei auf bereits vorhandene Untersuchungen und Arbeiten stützen zu können, erfüllte sich nicht; denn die Monographie des früheren Pfarrers der Altstadt- Gemeinde L.Hagemann[1] über seine Kirche enthält keine entsprechen- den Hinweise. Ebenso trägt die Kölner Dissertation von H. Böhringer[2] wenig Erhellendes bei, da die betreffenden Archive (Archiv der Altstadt- Pfarrei, Stadtarchiv Warburg, Archiv des Erzbischöfl. Gen.Vik.Paderborn) offenbar zu der damaligen Zeit (1950) nicht immer zugänglich waren oder nicht systematisch durchforscht werden konnten.

Das Archiv der Altstadt- Pfarrei verfügt nicht, wie sich herausgestellt hat, über Archivalien, die für die zeitlichen Bereiche des Mittelalters und der beginnenden Neu- zeit hins. der Fragestellung Aufschluss geben könnten, so dass nur das Archiv der Stadt  Warburg in der Lage ist, weiterzuhelfen und Licht in das Dunkel zu bringen,  Diese Annahme hat schon darin eine gewisse Berechtigung, dass der Bischof Rembert von Paderborn der Stadt Warburg am 28.Okt.1559 das Patronatsrecht über die Pfarrei der Altstadt verliehen hat.[3]

Aber auch ohne diese obrigkeitliche Ermächtigung fühlte sich der Rat der Stadt

für beide Kirchen und auch für deren Orgeln verantwortlich; denn bereits vor 1559 findet sich im Kämmereiregister (KR) des Jahres 1541 eine Notiz,  die besagt, dass nach altem Brauch die Stadtbediensteten an den 4 Festtagen des Jahres vom Bürgermeister eingeladen wurden, mit ihm „zu speisen“. Zu diesen Personen gehörten  auch „2 organisten“. [4] Dass einer dieser beiden Organisten in der Altstadtkirche tätig war, darf man sicherlich annehmen.

Eine Bestätigung für diese Vermutung findet  sich im KR des Jahres 1570; denn man hat für eine Reparatur an der „orgelen der altenstaidt“ 11 Schilling bezahlt.[5]

Der nächste Hinweis ergibt sich erst etwa ein Jahrhundert später. Anlässlich der Visitation (1654 - 1656) des Bischofs Theodor Adolph von der Reck wird bei der Aufzählung der Benefizien der Altstadtkirche festgehalten, dass die Einkünfte des Benefiziums der hl.Catharina der Orgel zugute kommen.(„beneficium s. Catharinae applicatum organo veteris oppidi“) [6]

Für wenige Jahrzehnte „schweigt“ dann das Stadtarchiv, erst 1671 notiert der Stadt- kämmerer eine Ausgabe für eine „Reparierung“ der Orgel.“[7]

Über die Beschaffenheit (Prospekt, Größe und Registerzahl) der Werke lassen sich, da  konkrete Angaben gänzlich fehlen, im Rahmen der damaligen Gegebenheiten nur Vermutungen äußern: 8 – 10 Register, ohne Pedal, aus akustischen Gründen vermutlich im hinteren Mittelschiff aufgebaut.

1711 hat der Rat der Stadt den Orgelbauer Johannes Brache[8] aus Willebadessen die Orgel prüfen lassen, mit ihm aber trotz seiner Bitten keinen Vertrag geschlossen. Wie notwendig aber eine Reparatur gewesen wäre, zeigte sich  bereits im Jahre 1715; denn in dem Vertrag, den der Rat mit dem Orgelbauer Tobias Scheiffer aus Langen- salza abzuschließen sich gezwungen sah, heißt es über den Zustand der Orgel: „Demnach das altenstedter organum wie stad kündig ganz und gar ohnbrauchbar gemacht und der gottesdienst deshalb nicht versehen werden kann“. Es wird vereinbart, „ das er die blaßbelge in guhten dann auch die Orgelpfeifen zum vorigen Thon und guter renonanz redigiren ferfertigen wolle...... alles renovieren ausputzen und dergestalt perfectiren wolle damit es wie neu und wohl gemacht und ein capables subjectum seine kunst darauf exerciren könne.“ [9]

Außer der obigen Zustandsbeschreibung werden keine Angaben über die Orgel ge-macht, wenn man davon absieht, daß 2 neue Blasebälge gebaut werden mußten, denen der Orgelbauer einen dritten auf eigene Kosten zufügte.

Erst um die Mitte des 18. Jhdts hat die Stadt dafür gesorgt, daß die Orgeln beider städtischen Kirchen ziemlich regelmäßig von einem erfahrenen Orgelbauer betreut wurden. Diese Aufgabe hat der Rat von 1746 - 1754 dem Orgelbauer Christoph Bornemann[10] aus Adorf  (Nordhessen) übertragen, der aus einer bekannten Orgel- bauerfamilie stammte ( sein Vater[11] hatte die Orgel im Kloster Willebadessen 1727 vollendet.), von 1758 bis zu seinem Tode 1777 Arnold Isvording aus Dringenberg, verwandt mit dem berühmten Lippstädter Orgelbauer Johann Patroklus Möller.[12]

In den folgenden Jahrzehnten verzeichnet das KR verschiedene kleinere Arbeiten an der Orgel der Altstadt- Pfarrei, bis man sich, vermutlich aufgrund des desolaten Zustandes des Werkes, entschließen musste, einen Neubau in Auftrag zu geben.  Bereits 1833[13] wurde die vorhandene Orgel abgebrochen. 1834 ließ man „die Stühle der Orgelbühne“ wegräumen. (Diese „Stühle“ waren an Mitglieder der Kirchengemeinde vermietet.) 1837 wurde„die Orgelbühne befestigt.“ Am 9. Juni 1837 erteilte der Rat dem Orgelbauer Kuhlmann aus Gottsbüren den Auftrag für einen Neubau. Das Werk kostete 200 Rthr und wurde in zwei Raten 1839 und 1840 [14] bezahlt.

Über diese Orgel ist außer den Quittungen des Orgelbauers nur noch eine Zeichnung des Prospektes, der Schauseite, im Stadtarchiv erhalten, die – charakteristisch für die Orgelbauerfamilie Heeren/ Kuhlmann- im klassizistischen Stil der Zeit gestaltet ist, sichtbar vor allem an zwei Vasen neben dem Hauptturm. Sollte die Zeichnung exakt sein - ein Maßstab ist nicht verzeichnet-, dann hatte diese Orgel 2 Manuale, aber kein Pedal, höchstens ein angehängtes, ohne eigene Register. Die Frontseite zeigt über einem geschlossenen Unterbau, in den der Spielschrank in der Mitte eingefügt ist, einen hohen, nach nach vorn leicht gerundeten Mittelturm, der oben flach schließt, flankiert von zwei ebenfalls leicht gerundeten, etwa 1/3 niedrigeren Seiten- türmen. Die Schleierbretter im oberen Drittel aller drei Türme haben die Form des Kielbogens („Eselsrücken“). Die Räume zwischen Seiten- und Mittelturm sind von kleinen Flachfeldern aus Pfeifenreihen ausgefüllt, auf denen über halbkreisartig gebildeten Ornamenten die beiden schon genannten Vasen stehen.

Diese Orgel ist, so Böhringer,[15] 1870 (die unten zitierte Inschrift weist eine andere Zahl auf) repariert und vergrößert worden, auf Kosten R. Fischers aus Paris. Im Prospekt  stand 1950/51 folgende Inschrift: „Piis D. Philippi Fischer Parisiensis donis restauratum, amplificatum ornatumque est hoc organum A.D. 1874“. Außer  dem Hinweis auf den „sehr schlechten Zustand heute“ und die Art der Windladen („Schleifladen“) macht er -leider- keine weiteren Angaben. Die Differenz der beiden Zahlen konnte bisher nicht geklärt werden.

Nach Jahrhunderten der Unsicherheit ist es zu diesem Zeitpunkt erstmals möglich, den Standort der Orgel festzulegen; in der Pfarrchronik heißt es: Pfr. Josef Klein- schmidt ( (Pfr. der Altstadt von 1871 – 1892 ) „verlegte die Orgelbühne in den Kirch- turm“. [16] 

In den folgenden Jahren hat man, so scheint es, die Orgel sich selbst überlassen. Das führte dazu, daß 1894 der Orgelbauer Franz Jacob Eul aus Lippstadt gebeten wurde, einen Kostenanschlag über Reparatur und Reinigung der Orgel einzurei- chen.[17] In diesem Anschlag ist zum ersten Mal eine Disposition aufgeführt. Die Orgel hatte 18 klingende Register, verteilt auf 2 Manuale und Pedal: das erste Manual:11 Register, das zweite 7, deren 5 aus dem ersten entlehnt waren; das Pedal wies 5 Stimmen auf. Des weiteren ergibt sich aus dem Text, daß die Pfeifen auf Schleifla- den mit mechanischer Traktur standen. Der Zustand des Werkes wird so beschrie- ben:..“die Orgel ist voll Staub und Spinngeweben,... viele< Mixtur> Pfeifen ....am Labium eingedrückt, damit dieselben stumm werden sollten....“

Die Orgel wird abgetragen, gereinigt, repariert und im Dezember 1894 wieder aufge- baut.

Im Oktober 1900 reicht der Orgelbauer Stegerhoff aus Paderborn „ Disposition und Kostenanschlag: Verbeßerung der Orgel mit 18 St.“ ein.[18] Er empfiehlt, um den „im allgemeinen dunklen öden Ton der ...Grundregister dieses Manuals < des ersten> zu verstärken und zu beleben“, entsprechend dem Geschmack der Zeit eine „neue Gambe mit kräftigem Strich“ einzubauen, dazu ein neues selbstständiges 2. Manual. Auf dieses Angebot ist man, aus welchen Gründen auch immer, nicht eingegan- gen.

1905 entschloß man sich, die klanglichen Möglichkeiten der Orgel deutlicher auf den damals herrschenden Zeitgeschmack auszurichten, dem man durch die Wahl be-  stimmter Orgelregister gerecht zu werden versuchte. Das ergibt sich aus dem Ko- stenanschlag des Orgelbauers Döhre aus Steinheim. Er schlug vor, bestimmte Re- gister durch zeittypische zu ersetzen, z. B. Gedackt 8‘ durch Vox coelestis 8‘, ein damals sehr beliebtes „Säuselregister“, das Cornett 4 f. durch Gambe 8‘. Lt. Beleg vom 25. August 1906 wurden die geplanten Veränderungen vorgenommen. [19]

Obwohl der Orgelbauer Döhre 1905 festgestellt hatte, daß die Windladen (Schleifla- fladen) „gut und dauerhaft gearbeitet“ seien, muß sich der Zustand der Orgel, ver-

mutlich infolge mangelnder  Pflege, so sehr verschlechtert haben, daß Domorganist Hebestreit aus Paderborn auf Bitten des Pfarrers am 12.1.1954 diese Orgel einer Prüfung unterzog mit dem Ergebnis: „Die Orgel ist technisch und klanglich eine völlige Ruine und des so schönen, alten Gotteshauses ganz unwürdig.“ [20]  Er empfiehlt einen Neubau, zu dem am 6.3.1954 der Orgelbauer Feith aus Paderborn auf die Aufforderung der Kirchengemeinde hin einen Kostenanschlag einreicht.

Aus finanziellen Gründen muß man sich beschränken auf eine erste Baustufe: 16 Register, verteilt auf 2 Manuale und Pedal. 1.Manual: 5 Register; 2. Manual: 7; Pedal: 4. Der Spieltisch wird sofort für die gesamte geplante Orgel von 32 Registern gebaut und aufgestellt. Kosten der 1. Stufe: 25160.00 DM

Diese Orgel stand als Freipfeifenorgel auf der Empore im Turm.[21]

Vor der Restaurierung der Kirche wurde sie ausgelagert und 1975 mit einer erweiterten Disposition (23 Register, wie bisher auf 2 Manuale und Pedal verteilt ) in einem neugotischen Gehäuse (aus Hallenberg übernommen) vor der hinteren Wand des nördlichen Seitenschiffes wieder aufgebaut.

RKM J. Kraemer (Borgentreich) wurde vor wenigen Jahren als Sachverständiger gebeten, dieses  Werk wegen des beklagenswerten Zustandes zu prüfen. Das Ergebnis legte er in einem Gutachten vom 30.6.96 vor. Der innere Aufbau des Werkes harmoniere nicht mit dem Gehäuse. Die Qualität der Register und der Intonation seien völlig unzulänglich, „ so dass die Orgel klanglich insgesamt diesen hässlichen, abstoßenden, brutalen, in der Geschichte des Orgelbaus keinerlei Stilistik zuzuordnenden Eindruck hinterlässt“. (Gutachten S. 4)

Ein Neubau wird dringend empfohlen; als Standort wird die Empore im Turm vorgeschlagen.

Nachwort

Der Verfasser dankt ganz herzlich Hern Fr. J. Dubbi, dem Leiter des Stadtarchivs Warburg, für seine stetige Unterstützung bei der Suche nach Archivalien und bei der oft mühsamen und zeitraubender „Entzifferung“.

[1] Hagemann, L., Geschichte und Beschreibung der beiden katholischen Pfarreine in Warburg  Paderborn 1903/04

[2] Böhringer, H., Untersuchungen zum Orgelbau im Hochstift Paderborn, Diss. Köln 1951, Ms. S. 19

[3] Stadtarchiv Warburg (StAW) U 490

[4] StAW Coll. Rosenmeyer VII 2, 1460/1680

[5] StAW Kämmereiregister (KR) 1570 I

[6] Archiv d. Erzb. Gen. Vik. Paderborn 384 blau

[7] StAW  KR 1671 I

[8] StAW  KR E 9031

[9] StAW Pro. Cam. 1715/17

[10] Belege für Bornemann und Isvording im KR der betreffenden Jahre

[11] Aumüller,G., Johann Jacob John, die Gebrüder Reinecke und ihre Beziehungen zum Orgelbau in Westfalen und     Waldeck  Westf. Zeitschr. 145. Bd., Paderborn 1955, Sonderdruck  S. 125

[12] Aumüller a.a.O S. 126

[13] Belege für dieses Datum und für die folgenden Angaben StAW  D  1869- Kirche der Altstadt

[14] Quittungen Kuhlmanns: StAW  Act. 6888 Auszug a.d. KR 1804/1851

[15] Böhringer a.a.O. S. 19

[16] Pfarrarchiv Warburg/Altstadt (PfAW –A ) Geschichte der Pfarrei Warburg- Altstadt, o.J. Ms. verschiedener Autoren

[17] PfAW- A, Akt. Band 5, S. 65 ff.

[18] PfAW- A, Akt. Band 5, S. 73 ff.

[19] PfAW- A, Akt. Band 5, S. 82 ff. 

[20] Arch. D. Gen. Vik. Paderborn P 1730/54

[21] Diese und alle weiteren Daten sind dem Gutachten des RKM J.Kraemer (Borgentreich)  entnommen.